Als ich mich der Submunition näherte, explodierte sie. Ich bin nicht einmal sicher, ob ich sie überhaupt jemals berührt habe (...) Ich hatte alle vier Gliedmaßen verloren, mein Gehör war beschädigt, genauso meine Augen (ich war mehrere Monate lang nach dem Unfall blind); mein Kopf und meine Lungen waren ebenfalls verletzt.

Branislav Kapetanovic, ehemaliger Räumungsexperte der jugoslawischen Armee. Quelle: www.streubomben.de

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Im FOCUS
Streumunition

Landminen und Blindgänger von Streumunition bedeuten Angst, Tod und Verstümmelung. Das ist der Alltag für unzählige Menschen in aktuellen oder ehemaligen Konfliktgebieten. Weltweit bedrohen 100 Millionen dieser Zeitbomben ihre Opfer – in der Regel Zivilisten und vor allem Kinder. Jeden Tag verlieren Menschen durch Streumunition ihr Leben oder Gliedmaßen. Die Splitter der explodierenden Submunition verbreiten sich mit hoher Geschwindigkeit und lösen Druckwellen im Körper aus, die die Organe schädigen.

Streubomben – eine Gefahr für die Zivilbevölkerung

Streubomben (engl. „cluster bombs“) bestehen aus einem Behälter, der bis zu 3000 sogenannte „Bomblets“ bzw. Submunition (= Streumunition) enthält. Der Behälter öffnet sich in einer bestimmten Höhe und verteilt die Submunition über eine Fläche in der Größe von mehreren Fußballfeldern. Streubomben sind dazu bestimmt, beim Aufprall auf dem Boden in Splitter zu explodieren und zerstören alles innerhalb ihres riesigen Umfelds. Streubomben wurden ursprünglich entwickelt, um gegen Panzer- und Artillerieformationen auf großen Flächen vorzugehen. Schon bald jedoch wurde die demoralisierende und erschreckende Wirkung dieser Waffen auf die Zivilbevölkerung erkannt und bewusst eingesetzt. Nach dem geltenden humanitären Völkerrecht ist der Einsatz von Streumunition geächtet, denn die Genfer Konventionen verbieten „unterschiedslose“ Angriffe – Angriffe, die militärische Ziele und Zivilpersonen gleichermaßen treffen. Angriffe dürfen niemals vorsätzlich auf die Zivilbevölkerung abzielen, und es dürfen nur Waffen verwendet werden, die gezielt militärische Objekte treffen. Gerade dies ist bei Streumunitionen wegen ihrer großflächigen Wirkung äußerst problematisch. Zusätzlich verbietet das Prinzip der Verhältnismäßigkeit alle militärischen Angriffe, bei denen die erwarteten (auch zivilen) Verluste und Schäden in keinem angemessenen Verhältnis zum erzielbaren militärischen Vorteil stehen. Streubomben haben eine extrem hohe Blindgängerquote – bis zu 40 Prozent. So mutiert Streumunition zu Landminen. Die Zünder der Submunition sind extrem sensibel und können bereits durch geringe Berührungen ausgelöst werden. Der Einsatz von Streumunition stellt ein massives humanitäres Problem dar und bedroht in über 30 Ländern der Welt die Zivilbevölkerung auch noch Jahrzehnte nach einem Krieg. 98 Prozent der dokumentierten Unfälle mit Streumunition betreffen die Zivilbevölkerung und keine Soldaten. Fast jedes dritte Opfer ist ein Kind.

Der weltweite Einsatz von Streumunition

Streubomben wurden im größeren Umfang erstmals im Verlauf des Zweiten Weltkriegs von fast allen Krieg führenden Nationen eingesetzt. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs sind Streubomben nachweislich in mindestens 25 militärischen Konflikten zum Einsatz gekommen. Die USA verwendeten in den 1950er und 1960er Jahren Streumunition in Korea, Vietnam, Kambodscha und Laos, Frankreich in den 1960er Jahren im Tschad. 1991 sowie 2003/2004 verteilte die US-Luftstreitkräfte Streumunition im Irak. Russland setzte Streumunition in den Jahren 1994-1996 in Tschetschenien ein. In Afghanistan wurde Streumunition sowohl von den internationalen Streitkräften als auch von den Taliban eingesetzt. Nach Angaben der UN-Organisation Mine Action Programme (MAPA) ist Afghanistan eines der am schwersten von Landminen und Streumunition betroffenen Länder der Welt. Im Kosovo wurden eigenen Angaben zufolge von den NATO-Streitkräften (USA, Großbritannien und Niederlande) rund 1400 Streubomben mit einer Bestückung von rund 300.000 Submunitionen abgeworfen. 24 Staaten bzw. Regionen sind gegenwärtig mit Streumunition verseucht, darunter Afghanistan, Albanien, Äthiopien, Bosnien-Herzegowina, Eritrea, Irak, Kosovo, Kuwait, Kambodscha, Laos, Libanon, Pakistan, Syrien, Tadschikistan, Tschetschenien und Vietnam. Rund 13.300 Opfer von Streumunition wurden 2006 dokumentiert. Die Experten schätzen die tatsächliche Zahl jedoch auf etwa 100.000, denn die meisten Unfälle werden entweder gar nicht oder nicht in Bezug auf die verursachenden Waffen registriert.

Streumunition und ihre Folgen

Minen und minenähnliche Waffen stellen heute eines der größten Entwicklungshemmnisse in ehemaligen Kriegsgebieten dar. Blindgänger von Streumunition verletzen und töten nicht nur Menschen, sie verursachen auch großen langfristigen Schaden an Infrastruktur und Landwirtschaft. Die gesellschaftliche und ökonomische Rückständigkeit wird dadurch gefestigt. Es sind, wie die jüngere Geschichte zeigt, in der Regel die ärmsten Länder der Erde, die nach langjährigen Konflikten unter den Folgen von Streumunition zu leiden haben. So einfach und vergleichsweise billig der Abwurf von Streubomben ist, so langwierig, teuer und gefährlich ist es, sie wieder loszuwerden. Die meisten dieser Länder haben nicht die finanziellen und technischen Mittel, um eine flächendeckende Minenräumung zu betreiben.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) konnte z. B. im Irak mithilfe von Hörfunkmeldungen und Fernsehspots die Bevölkerung über Minen und nicht explodierte Geschosse aufklären. Gefährliche Plätze wurden gekennzeichnet, Broschüren mit Comics und Poster warnten vor den Gefahren durch Explosivstoffe. Das Internationale Rote Kreuz, Handicap International und Ärzte ohne Grenzen betreiben weltweit Kliniken bzw. Rehabilitationszentren für Opfer von Streumunition und Landminen. Das Rote Kreuz hilft den Betroffenen durch Nothilfe-, Langzeitpflege- und Rehabilitationsprogramme und versorgt weltweit in über 80 Einrichtungen Minenopfer mit Prothesen, Krücken und Rollstühlen. Die Opfer von Streumunition oder Landminen müssen nicht nur unmittelbar nach dem Unfall, sondern im Falle einer Amputation für den Rest ihres Lebens betreut werden. Durchschnittlich braucht ein erwachsener Amputierter jedes dritte bis fünfte Jahr eine neue Prothese, Kinder bedingt durch ihr Wachstum alle sechs bis zwölf Monate.

Der internationale Einsatz gegen Streumunition

Verstärkt treten seit einigen Jahren internationale Organisationen wie „Handicap International“, das „Internationale Komitee vom Roten Kreuz“ oder „Ärzte ohne Grenzen“ – aber auch die internationale „Cluster Munition Coalition“ nach dem erfolgreichen Verbot von Antipersonenminen nun auch für eine Ächtung von Streumunition ein. In der Cluster Munition Coalition (CMC) haben sich über 150 Organisationen – ähnlich wie beim Verbot von Antipersonenminen – weltweit gegen den Einsatz von Streumunition zusammengeschlossen – darunter das Rote Kreuz, Ärzte ohne Grenzen, Human Rights Watch und Amnesty International. Der „Oslo-Prozess“ wurde im Februar 2007 durch die norwegische Regierung initiiert. Schon in der Abschlusserklärung bekundeten 46 Staaten ihre Unterstützung, bis 2008 einen internationalen Vertrag zum Verbot von Streumunition zu erarbeiten. Zu den Protagonisten des Prozesses zählen u. a. die Staaten Österreich, Belgien, Norwegen, Neuseeland, Serbien, Costa Rica, Peru und Irland sowie über zweihundert Nichtregierungsorganisationen.

Die besondere Stärke des Oslo-Prozesses ist die enge Zusammenarbeit zwischen Regierungen, Nichtregierungsorganisationen, Betroffenen, Wissenschaftlern und engagierten Bürgern. Auf die Streumunitionskonferenz im Dezember 2007 in Wien folgten weitere, u. a. im Mai 2008 in Dublin. Dort wurde das Übereinkommen über Streumunition („Streubomben-Konvention“) ausgehandelt, das am 3. Dezember 2008 unterzeichnet wurde und am 1. August 2010 in Kraft trat. Es handelt sich hierbei um einen völkerrechtlichen Vertrag über das Verbot des Einsatzes, der Herstellung und der Weitergabe bestimmter Typen von Streumunition. Die Konvention ist Teil des humanitären Völkerrechts, und enthält weiters Richtlinien zur Zerstörung vorhandener Bestände von Streumunition, zur Beseitigung liegen gebliebener Munition und zur Unterstützung der Opfer von Streubomben. Das Abkommen wurde von 36 Ländern ratifiziert und von weiteren 70 Staaten unterzeichnet (Stand: 31. Juli 2010, Österreich: 2. April 2009). Nicht zu den Unterstützerstaaten der Konvention zählen u. a. die USA, Russland, die VR China, Israel, Indien und Pakistan – sie gehören zu den weltweit größten Herstellern bzw. Anwendern von Streumunition.

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Rechtstexte und Dokumente

Bericht „Circle of Impact – The Fatal Footprint of Cluster Munitions on People and Communities”

Eine Karte der von Streumunition betroffenen Staaten

Der Text des Übereinkommens über Streumunition in englischer Sprache

Artikelsammlung des ICRC zum Thema Streumunition (in englischer Sprache)

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Literatur

  • Deeg, Sophia: Streubomben: Tod im Maisfeld. Horlemann, 2009. Empfohlen ab 8 Jahren.

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Links

  • www.streubomben.de
    Website mit aktuellen Nachrichten von Handicap International Deutschland zum Thema Streubomben
  • www.streubombe.de
    Die Website des „Aktionsbündnis Landmine.de“ bietet einen guten Überblick zum Thema Streubomben und erläutert die Position der deutschen Regierung
  • www.stopclustermunitions.org
    Website der internationalen „Cluster Munition Coalition“ (CMC): Die CMC ist ein Netzwerk von rund 200 Organisationen und NGOs, die sich für ein Verbot von Streumunition einsetzen. Umfangreich, aktuell und informativ. (In englischer Sprache)
  • www.clusterconventions.org
    Informationsseite zum Übereinkommen über Streumunition in englischer Sprache
  • www.handicap-international.de
    Die Kernbereiche der Organisation Handicap International sind Physiotherapie, Orthopädie, Minenräumung und -aufklärung sowie Traumabewältigung
  • www.the-monitor.org
    Die Website bietet Information zu den Themen Landminen und Streumunition sowie entsprechende aktuelle Aktionen und Kampagnen
  • www.mineaction.org/doc.asp?d=1461
    Presseaussendung: „UN salutes the new convention on cluster munitions”

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